Der Neujahrstag. Über die Rückeroberung des Buches.

Wann darf ich endlich anfangen, ohne es mir gleich
am ersten Tag im Jahr mit der Hälfte meiner Bekannten zu verderben?
Wann erwische ich sie – schon wach, aber noch nicht auf dem Sprung?
Es ist ein Morgen der Fragen und des strategischen Überlegens.
Denn es soll der Tag werden, an dem ich zurückhole, was mir gehört.
Und zurückgebe, was nicht meines ist.

bücher 2

Statt auf dem Sofa eine Decke um die Beine zu wickeln und Reste aufzuessen,
die erwiesenermaßen das Beste am Neujahrsmorgen sind,
breite ich auf dem Küchentisch einen Stadtplan aus, stelle eine Route zusammen,
überlege, wie viel Zeit ich für die eine oder andere Entfernung brauchen
werde. Wenn das alles fertig ist, drehe ich Kreise um das Telefon und
werfe ungeduldige Blicke auf die Uhr. Darf ich schon, oder immer noch
nicht? Jetzt aber!

Die Frau am anderem Ende der Leitung klingt verschlafen – ich lasse mich nicht abwimmeln und kündige meinen Besuch an.

Zum Schluss frage ich nach, ob sie denn noch mein Buch hat.
„Welches Buch?!“


Na dieses, das du so unbedingt lesen wolltest. Du hast mich doch im Juni regelrecht dazu gezwungen, es dir zu leihen. Ich habe mich gewehrt, habe mehrmals versucht so zu tun, als ob ich deine Bitte vergessen hätte und gab dann schließlich nach, um dir das Buch in einem Café in der Oranienburger Str. feierlich zu übergeben. Du hast mir den Kaffee bezahlt und gabst das Versprechen, das Buch übernächste Woche zurück zu bringen.

Das war im Sommer.

Und jetzt hole ich es mir zurück. Das Buch, das in mein Regal gehört und nicht in fremde Schränke!

Der erste Januar ist der perfekte Tag, um Geliehenes zurückzufordern.
Und einer der wenigen im Jahr, wo die Zeit dafür da ist. An jedem anderen
Tag wird garantiert etwas dazwischen kommen – Überstunden, Krankheit der
Kinder, ausgefallene Busse, Vergesslichkeit. Am Neujahrstag habe ich meine
Schuldner im Schwitzkasten. Verschlafen, leicht verkatert, antriebslos!
Leichte Beute für den Gläubiger, der bereit ist, jede Entfernung
zurückzulegen, um endlich die Schulden einzutreiben.

Der Plan ist einfach, erfordert aber soziales Fingerspitzengefühl.
Während manche Bekannte über meinen Besuch vorgewarnt wurden, müssen andere überfallen werden.

Sturm und Drang ist die Devise, wenn man schnell und
unbeschadet die Buch-Befreiungs-Aktion durchführen will:

Klingeln, hereinstürzen, Küsschen-Küsschen, Käffchen, na-wie-gehts-denn-so-mann-haben-wir-uns-ewig-nicht-gesehen-oh-ich-muss-ja-wieder-los….
Und dann schlage ich zu.

Betroffene Gesichter: „Ja-a, wart´ mal kurz. Irgendwo hab´ ich es doch neulich gesehen. Danke, schönes Buch! ( manchmal guckt man mir dabei nicht in die Augen. Dann weiß ich, dass es bestenfalls zur Hälfte durchgeblättert wurde). Aber was soll´s! Hauptsache, ich halte es wieder in der Hand. Das Buch, das mir gehört.

Manchmal muss ich auf meinen Neujahrstouren durch die Stadt auch Abstecher zu den Menschen machen, denen
ich was schulde. Dieses ist aber ein leichtes Spiel – um mir unangenehme
Entschuldigungsarien zu ersparen, verpacke ich das Objekt in buntes Papier,
schreib ein Grußkärtchen und schiebe den Umschlag auf die feine englische
Art in den Briefkasten. Und weiter geht’s  zur Befreiung vermisster Bücher aus der freundschaftlichen Geiselhaft.

Das Wiedersehen mit verliehenen Büchern löst bei mir oft Beklemmung aus.
Das Buch riecht anderes. So riechen manchmal Menschen, die man nach langer
Zeit wieder sieht, umarmt und merkt, dass man sich wieder aneinander
gewöhnen muss. Nie wieder, schwöre ich mir dann jedes mal. Nie wieder leihe ich ein Buch aus! An niemanden. Nie!

Nun ja. Jedes Jahr, am ersten Januar, stehe ich gegen 10 Uhr auf. Trinke
meinen Kaffee und greife zum Telefon. Ich muss wieder mal zurückerobern,
was in mein Buchregal gehört. Wieder die Stellen im Schrank suchen, wo die
Bücher mal standen. Sie hineinschieben, die Reihe angleichen.

Erleichtert ausatmen und mich dann auf das Sofa schmeißen, Beine ausstrecken, in eine warme Decke einwickeln und endlich! endlich! … die Reste vom Silvestertisch aufessen, die bekanntermaßen das Beste am Neujahrstag sind.

 

 

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