NEUE NATIONALGALERIE: ANNE TERESA DE KEERSMAEKER

 

 In einem Museum ist der Inhalt, also die ausgestellten Kunstwerke, wichtiger als die Hülle, also das Haus selbst. Aber nicht im Falle der Neuen Nationalgalerie, die erst vor Kurzem nach langjähriger Restaurierung wiedereröffnet wurde. Das ikonische Bauhaus- Gebäude von Mies van der Rohe ist selbst ein Kunstwerk und dazu noch eines, das die Fantasie beflügelt. Kein Wunder also, dass dieser Ort nun für vier Tage zur Bühne für eine Tanzperformance wird. Kreiert von einer Grande Dame der zeitgenössischen Tanzkunst Anne Teresa de Keersmaeker. atdk4


Die Eingangshalle der Neuen Nationalgalerie. Von allen Seiten – Glas und Licht. Von oben – Betondecke, dunkelgrau, schwer. Ein Raum, so groß, dass Menschen an der gegenüberliegenden Wand wie Däumlinge wirken. Genug Platz für einen Körper, sich frei zu fühlen, sich zu biegen und zu drehen. Oder auch nur still, kerzengerade dazustehen. Nicht mal einen Finger zu bewegen. Dann wieder losrennen, quer durch die Mitte, auf den Boden fallen, sich rollen, Arme und Beine wie Zirkelschenkel ausstrecken. Wieder aufstehen, die Glieder schwenken, herumwirbeln, plötzlich stecken bleiben. Bewegungslos dastehen. Sodass nur der Atem den Körper bewegt.
Atmen ist das Leitmotiv der Tanzperformance. Und ein wichtiger Bestandteil im choreografischen Werk von Anne Teresa De Keersmaeker. In ihrem neuen Stück verbindet sie

Körper, die mal mehr, mal weniger heftig Luft holen, mit der Flötenmusik des italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino. Klänge, die dem Atmen nachempfunden sind, mal ist es schweres Keuchen, mal leichtes Pusten. Atmen, ein Körperakt, der in Zeiten der Pandemie der Choreografie De Keersmaekers Brisanz verleiht. Für die Neue Nationalgalerie, sagt der stellvertretende Direktor Joachim Jäger, ist die neue Performance der belgischen Star-Choreografin eine Art Einweihungsgeschenk für das Haus:
Als wir es fertiggestellt haben, wir fanden, es wäre toll, wenn dieses statische, große, elegante Haus mit Tanz und Bewegung eröffnet werden würde, denn wir hatten ja tatsächlich geplant, mit Anne Teresa De Keersmaeker zu eröffnen, sie sollte der erste Gast, die erste Künstlerin sein, die dieses Gebäude einweiht.atdk6


Da traf es sich gut, dass Anne Teresa De Keersmaeker seit neuestem ein Faible für Museumsgebäude hat und mit ihrer Reihe Dark Red bereits Choreografien für Ausstellungen in Köln und Basel entwickelt hat. Die minimalistische, auf das Wesentliche fokussierte Tanzkunst De Keersmaekers, so Jäger, sei wie geschaffen für das schlichte Mies van der Rohe Gebäude:
Und dann ist sie auch jemand, die sehr bewusst ist mit Geometrien in einem Raum umzugehen und eigene Geometrien im Tanz zu entwickelt und das fanden wir sehr passend.
Als Kontrast zu den geraden Linien des Hauses bewegen sich die Tanzenden in einer Art imaginären Spirale. Die Kreise werden immer enger und laufen dann wieder auseinander. Für die Choreografin wurde das Haus in der Tat zur Quelle der Inspiration:
Es ist ein extrem schönes, ikonisches Gebäude, es geht um die minimalistische, starke Konstruktion dieses Gebäudes und es interagiert durch Bewegung und Tanz mit dem Team von Menschen. Dies ist wie ein offener Marktplatz. Dies ist kein herkömmlicher Ort für bildende Kunst. Es geht um die Interaktion zwischen Innen und Außen, um Vertikalität und Horizontalität, es geht um Material und Farben und Transparenz, wie das Licht hereinkommt.atdk5


Anne Teresa De Keersmaeker tanzt selbst, zusammen mit einer Tänzerin und einem Tänzer. Sie betreten nacheinander den Raum für ihre Soli. Selten gibt es eine Interaktion. Das alles geschieht mitten im Museumsalltag, das Publikum ist so nah, dass es den Atem der Tanzenden spüren kann. Und ist dennoch ein unbeteiligter und bisweilen ratloser Betrachter. Joachim Jäger:
Sie arbeitet jetzt hier nicht in dem großen Raum mit ganz vielen Tänzerinnen und Tänzern, sondern mit einzelnen und auch die Zerbrechlichkeit und Zartheit und Fragilität des Lebens sehr verdeutlichen, was in unserer Zeit im Moment, in dieser schweren Zeit, auch ein sehr interessantes Signal ist.


Irgendwann verlässt Anne Teresa De Keersmaeker den Raum, läuft außen um das Haus herum, durch die Glasfenster für alle sichtbar, ein Teil der Performance und doch weit weg, in einer anderen Welt. Da zieht sie auch noch ihre Jacke aus unatdk1d macht einen Schriftzug auf dem Rücken sichtbar – NO WAR. Statt moderner Flötenmusik erklingt Bob Dylans Blowing in the Wind, ein Song voller rhetorischer Fragen nach Krieg und Frieden.  

 

Ein Radiobeitrag für RBB Kulturradio am 24.03.2022

https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/der_tag/archiv/20220324_1600/kultur_aktuell_1610.html

Alle Bilder © Vera Bock