Wegen russischer Namen. Dänische Veranstalter sagen Ausstellung Berliner Künstlerinnen ab.

Der Krieg in der Ukraine hat die Kunstszene erreicht. Auf der einen Seite werden Putin-nahen Kunstschaffenden Engagements und Auftritte gekündigt. Andere bekommen die Auswirkungen zu spüren, obwohl sie sich aktiv gegen das Putin-Regime engagieren. Von Vera Block

Es sollte eine Ausstellung über die Schönheit des Zerbrechlichen werden, über einen fragilen Alltag. Überdimensionale Objekte aus Pappmaschee, die dänischem Porzellan nachempfunden sind. Dargestellt als Scherben und Bruchstücke. Eigentlich sollten sie in der dänischen Stadt Horsens in Jütland ausgestellt werden – dazu wird es aber nicht mehr kommen.

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Die Berliner Künstlerinnen Natalia und Maria Petschatnikov haben vor wenigen Tagen erfahren, "dass es möglicherweise problematisch ist, weil es eine staatliche Institution ist und wir haben russische Namen. Aber die Kuratoren und Museumsdirektor haben für uns gekämpft!"

 

Vergeblich. Die offizielle Absage kam am 1. März. Eine regionale dänische Zeitung, erzählen die Schwestern, zitierte dazu einen Lokalpolitiker: "Ich weiß, dass Maria und Natalia Petschatnikov nichts mit dem Krieg zu tun haben, aber wir können russische Kultur momentan nicht unterstützen."

Ein falsches Signal

Zerbrochenes Porzellan, lächeln Natalia und Maria Petschatnikov bitter. Die beiden sitzen nebeneinander in ihrem Atelier in der Nähe der Jannowitzbrücke. An den

Wänden hängen gezeichnete Entwürfe zur geplanten Ausstellung. Die Schwestern wirken erschöpft und bedrückt. Am Vormittag haben sie Spenden für Kinder aus Odessa in eine jüdische Einrichtung gebracht. Am Abend davor waren sie am Berliner Hauptbahnhof, um ankommenden Geflüchteten zu helfen.

Es ist schade, sagt Natalia, dass wir in dieser Situation sind, aber es gibt wichtigere Fragen, gerade jetzt. Und Maria fügt hinzu: "Wir denken aber, es ist jetzt falsch, russische Namen von anderen Namen zu unterscheiden."

Maria und Natalia Petschatnikov stammen aus Sankt Petersburg, aus einer russisch-jüdischen Familie. Allerdings leben sie mehr als die Hälfte ihres Lebens schon im Ausland: "Wir leben seit dreißig Jahren außerhalb von Russland, wir haben nicht in Russland studiert, sondern in den Vereinigten Staaten und anderswo. Wir können natürlich sagen, wir sind überhaupt gar keine Russen. Das wollen wir aber nicht! Wir sind Russen, aber es gibt Russen, die eine andere Meinung haben. Wir denken, es setzt ein falsches Signal."

Wir denken aber, es ist jetzt falsch, russische Namen von anderen Namen zu unterscheiden.

Maria Petschatnikov

Migrationsgeschichte als Politikum

Viele Jahre, erzählen die Schwestern, wurde ihre Herkunft in den Ausstellungen hervorgehoben, auch gegen ihren Willen. Ihr Migrationshintergrund wurde mitunter durchaus zelebriert: "Bei uns wird oft betont, dass wir diese russische klassische Malerei beherrschen, obwohl wir an mehreren Stellen gesagt haben, dass wir nichts mit der russischen akademischen Schule zu tun haben. Wir haben zwar nichts gegen diese Schule, aber wir gehören nicht dazu. Aber wir haben das Gefühl, dass Nationalitäten – genauso wie bei vielen anderen Künstlern – politisch benutzt werden."

Die Sorgen, die sich die beiden wegen der abgesagten Ausstellung machen, haben wenig mit den finanziellen Verlusten zu tun: "Es ist in nicht all zu ferner Vergangenheit, dass Menschen auf Basis ihrer Namen beurteilt wurden."

Trotz der Absage der Ausstellung: Natalia und Maria Petschatnikov wollen Putins Propaganda keinen Grund liefern, sie als im Westen unterdrückte russische Künstlerinnen zu instrumentalisieren: "Das wollen wir nicht, wir wollen zusammen mit den Russen stehen, die in St. Petersburg zum Beispiel verhaftet werden. Für ihre Meinung."

Sendung: Inforadio, 04.03.2022, 15:55 Uhr